Es ist wieder soweit. Wir gehen auf den November zu Día de los Muertos in Mexiko. Ich bin noch immer hier. Dieser Blogartikel ist mein Beitrag zur Totenhemd Blogaktion von Petra Schuseil und Anegret Zander. Ich nehme diesen Tag und diesen Blog zum Anlass, um etwas Mexiko nach Deutschland zu bringen und stelle mir die Fragen:

Wie empfinde ich den Día de los Muertos nach drei Jahren?

So skuril es anfangs ist, wenn man die Totenköpfe und Skelette überall sieht – im Supermarkt, in Restaurants, in Häusern, beim Bäcker zum essen, als Bastelvorlagen für Kinder – so „normal“ wird das nach drei Jahren. Ja, inzwischen erlebe ich das mexikanische Fest schon zum dritten Mal. Und für mich hat es sich mit der Zeit verändert.

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Ich weiß, für Dich sind diese Fotos etwas Neues, fremd, seltsam, abgefahren. Irgendwie so habe ich das auch empfunden, als ich dieses Fest das erste Mal selbst miterlebt habe. Heute, nach drei Jahren ist die Magie des Unbekannten verflogen, die Totenköpfe und Cathrinas, die angezogenen Skelette, gehören zum Leben dazu und sie gehören vor allem in den Herbst.

Der Día de los Muertos, der Todestag ist nicht nur ein Tag oder eine Nacht. Es beginnt schon mit den Vorbereitungen. So wie man vor Ostern das Haus mit Ostereiern schmückt und an Weihnachten den Baum aufstellt, so schmückt man ab Mitte Oktober das Haus mit Totenköpfen, baut einen Altar auf und stellt neben Blumen, Salz, Wasser und Fotos auch Essen darauf und Dinge, die die Verstorbenen gerne mochten. Man schmückt das Haus und man nimmt sich die Zeit, alleine und auch mit anderen in der Familie. Es ist eine gemeinsame Zeit, um über die Menschen zu sprechen, die von uns gegangen sind. Man nimmt sich zusammen Zeit für die verstorbenen Menschen, die man liebt(e).

Auch bei uns steht dieses Jahr wieder ein Altar im Wohnzimmer. Mein Sohn wollte ihn aufbauen und schmücken. Als wir zum Teil des Essens kamen und entscheiden mussten, was wir auf den Altar legen, fragte er mich: Was mochte Uropa gerne? Was hat er gemacht? Was konnte er besonders gut? Wie war das mit Urgroßvater? Meinst Du sie können sich die Flasche Bier teilen? Es begann ein wunderbares Gespräch zwischen uns beiden. War es Ahnenforschung auf mexikanisch? Ich weiß es nicht. Auch wenn es für mich zwischendurch traurig war, war es schön.

Ich sehe, erlebe und verstehe, dass der Día de los Muertos eine Zeit ist, in der Gespräche entstehen und Gedanken und Erinnerungen aufblühen. Es ist nicht nur ein Tag des Gedenkens oder Feierns, es ist eine Zeit, in der die verstorbenen und lieben Menschen präsent sind. Das geht im restlichen Jahr und Alltag unter. Man nimmt sich bewusst die Zeit, gegen das Vergessen und das nicht in grau und trist, nicht mit Tränen, Einsamkeit und Schwere, sondern mit Besinnlichkeit. Es ist farbenfroh, liebevoll und warm, so wie das Leben.

 

Was steckt dahinter?


Der Grund hinter diesem Brauch ist: Nicht zu vergessen.
Nur wenn die Lebenden den Toten gedenken können sie im „Paradies“ bleiben. Wenn man sich nicht an sie erinnert, ihnen nicht gedenkt, kommen sie in ein tristes und düsteres Land ohne Freude.

Gegen das Vergessen, das ist die Essenz nach drei Jahren Día de los Muertos!

Mir wird klar, dass es nicht nur um den Tot geht. Es geht auch um das Leben. So kurz ein Leben im Rückblick erscheinen mag, so lang ist es doch auch. Wer vergisst, der hat ein kürzeres Leben. Wer sich seine Erinnerungen bewahrt, der hat ein längeres und reicheres Leben, nicht erst am Ende, sondern sein ganzes Leben lang.

Wer sich erinnert, der fühlt intensiver – Freude, Spaß, Schmerz, Trauer, Wünsche, vielleicht auch die Liebe – alles wird stärker, wenn man es nicht nur im Hier und Jetzt sieht. Durch die vergangenen Erlebnisse, Geschichten und Gefühle wird doch alles erst zu dem, was es wirklich ist. Ohne das Vergangene verliert alles an Wert. Wie kann es ein überwältigendes Gefühl sein, ein Ziel zu erreichen, wenn man sich nicht erinnert, wie sehr man sich es gewünscht und wie hart man darauf hingearbeitet hat? Nur weil wir wissen, dass es ein Traum war, dass der Weg mit Mühe verbunden war, können wir uns als Gewinner fühlen und unseren Erfolg genießen, feiern und schätzen.

Erst das Erinnern lässt uns unser Leben in seinem Wert und seiner ganzen Schönheit erfassen und schätzen!

Dabei ist es egal, um was es geht: Ein sportliches Ziel, eine Partnerschaft, ein Haus, das eigene Unternehmen oder ein eigenes Buch. Die Erinnerungen machen den Unterschied. Sie lassen uns wahre Freude und Dankbarkeit empfinden. Nur die Vergangenheit, das Erlebte lassen uns das Heute schätzen. Dadurch erst wird ein Leben reich. Genau das nehme ich mit, nach drei Jahren Día de los Muertos.